Flugmotor Jumo 211

Flugmotor Jumo 211 G, H im TMK

Bei dem Aluminium-Gussgehäuse für den Flugmotor Jumo 211 G, H mit Einspritzpumpe handelt es sich um einen 4-Takt-Motor, der mit zwölf Zylindern ausgestattet ist und mit Benzin betrieben wird. Er ist v-förmig und hängend gebaut. Das Hubvolumen beträgt 34,79 Liter. Dabei kann der Flugmotor eine Leistung von 1.200 PS bei 2.400 U/Min. beim Starten erbringen. Sie sinkt beim Steigen auf 930 PS mit 2.300 U/Min. ab. Das Einbaugewicht beträgt 650 kg und wurde zum Beispiel im Sturzkampfflugzeug Junkers JU 87 oder vielseitigen Bomber und Zerstörer Junkers Ju 88 verwendet.

Ladeluft- und Kraftstoffwege beim Jumo 211 (Nagel, Bauer, S. 306)  Jumo 211 mit 1000-1400 PS, Gerät Nr. 9-2021 A-2 (Nagel, Bauer, S. 307)

Die Einspritzpumpe sorgt dafür, dass der Kraftstoff in einer genau dosierten Menge über Rohrleitungen und Einspritzdüsen in die Zylinder eingespritzt. Damit wird das Kraftstoff-Luftgemisch nicht im Vergaser, sondern direkt im Zylinder gebildet. Der Einspritzvorgang geschieht im Gegensatz zum Dieselmotor nicht zum Zeitpunkt der höchsten Verdichtung, sondern während des Ansaugtaktes. Die Verbrennung wird durch Fremdzündung (Zündkerze) hervorgerufen, beim Dieselverfahren durch Selbstzündung. Gegenüber dem Vergasermotor hat der Einspritzmotor etliche Vorteile. Die Gefahr der Vergaservereisung und des Vergaserbrands entfällt. Da für jeden Zylinder innerhalb der Einspritzpumpe ein eigenes Pumpenelement vorhanden ist, lassen sich die eingespritzten Kraftstoffmengen dem jeweiligen Betriebszustand optimal anpassen. Bei plötzlichen Änderungen des Flugzustands, wie z.B. Wegdrücken des Flugzeugs nach vorn, wird ein kurzzeitiger Leistungsabfall des Motors vermieden. Diese sogenannten Einspritzmotoren mit hoher Leistung, die nach dem Otto-Prinzip arbeiteten, waren in den 1940er Jahren besonders in deutschen Flugzeugen verbaut.

Junkers Flugzeug- und Motorenwerke A.-G., Motorenbau Werk Kassel: Werksgelände im Januar 1942 (Nagel, Bauer, S. 287)

Die Einspritzpumpe, wie sie in diesem Flugmotoren-Gehäuse verbaut wurde, aber auch die Kraftstoff-Förderpumpe und der Ladedruckregler für den Jumo 211 wurden im Motorenbau-Werk Kassel, MWK abgekürzt, hergestellt. Dieses Werk war in der Lilienthalstraße angesiedelt. Dort bauten zunächst die Gebr. Thiel Seebach mechanische Zeitzünder, bevor am 5. August 1940 die Übernahme seitens Junkers Flugzeug- und Motorenwerke erfolgte. Sie nahmen den neuen Junkers Standort als MWK in Betrieb und beschäftigten weiterhin ca. 100 Mitarbeiter der vorhandenen Thiel-Belegschaft. Diese wuchs im ersten Geschäftsjahr (01.10.1940-30.09.1941) bereits auf 3.464 Lohnempfänger und 531 Gehaltsempfänger an. Darunter waren 1.393 Arbeiter aus dem Ausland, überwiegend aus Flamen, Italien und Ungarn. Allerdings waren auch viele Ungelernte oder Dienstverpflichtete eingestellt worden. Dies führte zu hohen Ausschusszahlen, da sie beispielsweise als Ungelernte nicht für die feinmechanische Arbeit geeignet waren, zur Wehrmacht einberufen wurden oder ihre Dienstverpflichtung endete. Den „normalen“ Mitarbeitern war damals nicht bekannt, welche verschiedenen Geräte und Teile im Werk hergestellt wurden. Sie waren lediglich mit ihrem Bereich bzw. ihrer Aufgabe vertraut und nur zu diesem hatten sie Zugang. Sie waren nicht berechtigt, ihren unmittelbaren Arbeitsplatz zu verlassen und sich andere Fertigungsabteilungen abzusehen. Die Berechtigungen wurden durch farbliche Plaketten am Revers der Arbeitskleidung markiert, was durch den Werkschutz kontrolliert wurde.

Um die bereits angelaufene Motoren-Serienfertigung in anderen Junkers Werken zu entlasten, sollten in Kassel Motorenzubehörteile und speziell Pumpen und Ladedruckregler hergestellt werden. Alle fertigen Geräte erhielten ein passenden Typenschild, dort war entweder als Hersteller „Junkers Flugzeug- und Motorenwerke A.G. Kassel“ oder „MWK“ zu lesen. Da viele dieser Produkte aber für die Rüstung und Kriegsführung vorgesehen waren, wurden sie aus Sicherheits- und Organisationsgründen häufig nur mit einem Herstellercode markiert, der für dieses Werk „j f t“ lautete.

Für das erste Geschäftsjahr war eine Produktion von 34.000 Ladedruckreglern, 1.260 Kondensatpumpen und 3.700 Kraftstoff-Doppelpumpen für den Flugmotor Jumo 211 sowie 6.420 Öleinspritzpumpen für den Jumo 205 vorgesehen. Diese Planung konnte jedoch nicht erfüllt werden. Von diesen über 45.000 Produkten wurden nur 27.000 hergestellt. Trotzdem konnte die Produktion in den beiden darauffolgenden Geschäftsjahren stark gesteigert werden. Die Produkte wurden entweder als Neubauteile direkt an die anderen Junkers Werke für die Serienfertigung oder an das Reichsluftfahrtministerium (RLM) für die Ersatzteilversorgung der Truppen geliefert. Für diese Geräte war ein Festpreis vereinbar. So zahlte das RLM beispielsweise 278 Reichsmark für die Kraftstoff-Doppelpumpe, 232 für die Kondensatpumpe und 341 für den Ladedruckregler.

1942/43 wurde bereits mit Fertigung von Geräten für das Turbostrahl-Triebwerk Jumo 004B begonnen. Allerdings betrat das MWK hier technologisches Neuland, da sich das Triebwerk noch in der Entwicklungsphase befand, sodass immer wieder Anpassungen wie Veränderungen in den Fertigungsverfahren und -einrichtungen notwendig waren. Neben den Arbeitskräften schnitten auch die Bombardierungen auf Kassel die Produktion im MWK stark ein. Das Werk wurde mehrmals getroffen, so beispielsweise bei den Tagangriffen der amerikanischen Luftwaffe (USAF) am 28. und 30. Juli 1943. Fast sämtliche Teile, die in der Rohlager- und Versandhalle waren, wurden vernichtet. Weitere Treffer folgten im Oktober 1943 durch die Royal Air Force (RAF).

Luftaufnahme von 25.03.1945. Es sind die Zerstörungen im MWK und die Bombeneinschläge im angrenzenden Umfeld erkennbar. (Nagel, Bauer, S. 292)

Obwohl die Leistung des MWK nach Angaben der Werksleitung durch die Schäden um circa 50 % zurückging, bestand gleichzeitig ein erhöhter Bedarf an Jagdflugzeugen, um die Alliiertenbomber abwehren zu können. Bei Junkers mussten der Jumo 213 und das Strahltriebwerk Jumo 004 mit Priorität gefertigt werden. Um stärkeren Druck auf die Luftfahrtindustrie ausüben zu können, wurde im März 1944 der sogenannte Jägerstab im RLM gegründet. Bereits einen Monat später konnte das Werk die geforderten Tagesstückzahlen erfüllen. Ein Jahr später jedoch begann aufgrund der Kriegsereignisse die Auflösung des MWK, Aktenschränke wurden ausgeräumt, Papiere vernichtet und die Maschinen zum Teil in das Werk nach Dessau überführt. Fünf Tage nach der offiziellen Stilllegung besetzte am 5. April 1945 die 80th Infantry Division der US-Army den Ortsteil Bettenhausen, die Betriebe in der Lilienthalstraße und somit auch das MWK. Die Besetzung sollte bis Ende 1946 andauern. Der Wiederaufbau in den Westsektoren Deutschlands ging zügig voran und es wurden dringenden Flächen gesucht. So siedelten sich auch verschiedene Firmen in den ehemaligen Gebäuden des MWK an. Zudem war im Erdgeschoss von Gebäude 3 ein Teil der Abwicklungsorganisation für Junkers untergebracht. Im Frühjahr 1950 kaufte die „Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft – Zentralverwaltung Westzonen“, kurz AEG, vom Land Hessen das Gelände des ehemaligen MWK. So hatte bereits seit 1948 einige Gebäude angemietet und beschäftigte Anfang 1950 schon 700 Mitarbeiter in der Lilienthalstraße.

Detail Flugmotor Jumo 211 G, H im TMK  Detail Flugmotor Jumo 211 G, H im TMK

 

Literatur:

Nagel, Rolf: Kassel Lilienthalstraße 150. Geschichte eines Industriestandortes 1940-1950. Wolfhagen 2007.

Nagel, Rolf; Bauer, Thorsten: Kassel und die Luftfahrtindustrie seit 1923. Geschichte(n), Menschen, Technik. Melsungen.

 

Abbildungen:

Abb. 1 – Flugmotor Jumo 211 G, H im TMK

Abb. 2 – Ladeluft- und Kraftstoffwege beim Jumo 211 (Nagel, Bauer, S. 306)

Abb. 3 – Jumo 211 mit 1000-1400 PS, Gerät Nr. 9-2021 A-2 (Nagel, Bauer, S. 307)

Abb. 4 – Junkers Flugzeug- und Motorenwerke A.-G., Motorenbau Werk Kassel: Werksgelände im Januar 1942 (Nagel, Bauer, S. 287)

Abb. 5 – Luftaufnahme von 25.03.1945. Es sind die Zerstörungen im MWK und die Bombeneinschläge im angrenzenden Umfeld erkennbar. (Nagel, Bauer, S. 292)

Abb. 6 – Detail Flugmotor Jumo 211 G, H im TMK

Abb. 7 – Detail Flugmotor Jumo 211 G, H im TMK

Hier finden Sie eine verlinkte Auflistung unserer seit Oktober 2020 vorgestellten Objekte des Monats.

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