Der Schienenpflegezug GTW 317

Der ehemalige Zwei-Richtungs-Gelenk-Triebwagen GTW 317, nach annähernd drei Jahrzehnten im Liniendienst in 2000 umgerüstet zum Schienenpflegezug, vor der Ausfahrt vom Betriebshof Sandershäuser Straße in Bettenhausen (*1)

Wie die Schienenfahrzeuge aufgrund ihres fast täglichen Einsatzes müssen auch die infrastrukturellen Einrichtungen der KVG gepflegt und instandgehalten werden. Der Fahrgast nimmt bewusst außer den Fahrzeugen selbst vermutlich nur die Schienen und die Oberleitung war, die Weichen mit der seltenen Ausnahme bei Eis- und Schneeverstopfung im Winter deutlich weniger und die Streckenschalter an den Masten wohl nur, wenn daran gearbeitet wird. Die Unterwerke für die Oberleitungs-Gleichspannung von 600 V, in den im Liniennetz verteilten KVG-Unterwerken umgeformt aus dem 10-kV-Drehstrom-Mittelspannungsnetz der Städtische Werke Netz + Service GmbH, nimmt der Fahrgast höchstwahrscheinlich überhaupt nicht wahr. Der oben abgebildete, in 2018 stillgelegte Schienenpflegezug, als derzeit leider nicht erlebbares Exponat seit über vier Jahren im TMK abgestellt, übernahm zur Jahrtausendwende die oben genannten ersten beiden infrastrukturellen Aufgaben, nämlich die Pflege der Schienen und die Eis-Freihaltung der Oberleitung im Winter.

Eine vermutlich erste öffentliche Information über den Schienenpflegezug verbreitete unsere Tageszeitung HNA in ihrer Kassel-Stadt-Ausgabe am 22.06.2000 auf Seite 19 oben rechts (*2). Warum ist das erwähnenswert? Nun, auf der gleichen Zeitungsseite 19 wurde unten links über eine Sitzung des Ortsbeirats Rothenditmold berichtet, in der es u. a. über die Projekt-Vorstellung eines Industriemuseums im Stadtteil ging. Diese erfolgte durch einen Mitarbeiter der Uni Kassel und – für unser TMK von Bedeutung – durch Aussagen von Dr.-Ing. William Fischer, Arbeitskreisleiter Fahrzeug- und Verkehrstechnik sowie Technikgeschichte des Nordhessischen Bezirksvereins im Verein Deutscher Ingenieure (VDI) und Gründungsmitglied unseres Trägervereins "Technik-Museum Kassel e.V.", zu diesem Projekt. Kernaussagen der Projektvorstellung durch den Uni-Mitarbeiter und unseren leider viel zu früh verstorbenen Dr. Fischer waren, dass das Museumsgebäude zugleich als Stadtteil- und Begegnungsstätte in der 1871 errichteten und original nachgebauten Hammerschmiede vor allem für Großexponate wie Lokomotiven, Flugzeuge oder Straßenbahnen gebaut werden könnte, dass Kassel über eine  bemerkenswerte Bündelung von Industriebetrieben mit Weltruf wie Henschel, Fieseler, Wegmann und Gottschalk verfüge und der Stadtteil Rothenditmold als traditionsreicher Standort für die Errichtung eines Industriemuseums hervorragend geeignet sei.

Nochmals "nun": In unmittelbarer Nähe der Hammerschmiede sind wir mit unserem TMK schon, zwei Henschel-Lokomotiven und zahlreiche Straßenbahnen stehen schon in der Halle des ehemaligen Henschel-Kesselbaus, mit dem Fieseler Storch hat es leider nicht geklappt, aber der in Kassel zu Weltruf gelangte Schmidt´sche  Heißdampfüberhitzer und viele andere Kasseler Spitzenerzeugnisse werden auch präsentiert.

Weiter mit dem ebenfalls in der Halle des TMK stehenden Schienenpflegezug der KVG: Im Laufe der Zeit bilden sich auf dem Schienenkopf, also der stets sichtbaren und blanken Oberseite der Schiene, auf der der Radreifen abrollt, Höhen und Tiefen. Diese führen zu unruhigen Fahrten und Ziel der KVG war es daher, mit dem Umbau des Gelenk-Triebzuges nach fast 30-jähriger Fahrgastbeförderung den Qualitätszustand des Schienennetzes zu verbessern und den Straßenbahn-Nutzern ein angenehmeres Fahren zu ermöglichen. Durch die Egalisierung der Laufflächen ergeben sich geringere Widerstände, damit geringere Reibung und somit auch geringere Geräusche, was auch Anwohner der Strecken erfreut. Eingebaut wurde die Schienenschleifeinrichtung im mittleren, nicht angetriebenen Drehgestell (C-Teil). Sechs Schleifsteine auf jeder Fahrzeugseite werden während der auf 30 km/h begrenzten Fahrt dort mit einer Kraft von 40 N je Quadratzentimeter auf die Schienen gepresst (s. eingeklinktes Foto oben, *3).

Eine zweite Aufgabe bekam der Schienenpflegezug mit der Funktion "Eisbrecher". Zugefrorene Binnengewässer sollte er selbstverständlich nicht aufbrechen, aber Oberleitungen bei besonders feuchtkalter Luft freihalten, also bei Raureif und Eisregen. Vereiste Oberleitungen sind nicht nur für die Straßenbahnen mit ihrer vergleichsweise niedrigen Spannung von 600 V ein Problem, sondern wie anlässlich einer ICE-Triebkopf-Mitfahrt selbst erlebt auch für die Deutsche Bahn mit ihrer Oberleitungs-Spannung von 15 kV. Die Folgen einer Vereisung ohne vorherigen Abrieb führen zu einer Stromunterbrechung für den Antrieb, damit schwankendem Drehmoment und können auch Elektronikschäden verursachen.

Er bekam für seinen Scherenbügel-Stromabnehmer eine spezielle Kohleschleifleiste mit Kupfereinlage. Im Foto der KVG rechts bzw. oben ist bei der Vorbeifahrt an der alten Hauptpost in der Friedrich-Ebert-Straße der Funkenflug beim Abschleifen der Eisschicht deutlich zu sehen (*4). Die Schleifleiste entfernte in der Nacht ohne Beeinträchtigung des Linienverkehrs und Beschädigung der Oberleitungen  Eis und Raureif, so dass die Strecke ohne Stromunterbrechungen befahrbar blieb.

In einer zweiten, in 2013 durchgeführten Ausstattungsstufe bekam der "Eisbrecher" einen zusätzlichen Einholm-Stromabnehmer auf sein Dach (Foto unten, *5). Hier wurde eine Vorrichtung befestigt, die auf der Oberleitung Glycerin aufbrachte, dem Autofahrer als Frostschutz für das Motorkühlwasser bekannt. Dieser Frostschutz wirkte je nach Witterung zwei bis drei Tage. Nach fast fünfzig Jahren gesamter Einsatzdauer ist das Fahrzeug nun "in den Ruhestand versetzt worden", drei Straßenbahnen mit einer Raureifleiste übernehmen jetzt im Liniendienst präventiv die Aufgabe der Besprühung mit einem feinen Glycerinnebel und verhindern so die Raureif- und Eisbildung. Und das Schleifen der Schienen übernehmen jetzt Dienstleister für die KVG.

Und sollte sich der Besucher dieser Internetseite des Technik-Museums Kassel jetzt noch fragen, wie dieses Fahrzeug technisch ausgestattet ist hierauf zwei Antworten:

  • Als Straßenbahn zur Beförderung von Fahrgästen steht der ehemalige GTW 317 in einer Reihe mit den Fahrzeugen GTW 301 – GTW 317, ist also der letzte in dieser Reihe und wurde am 25.09.1970 in Dienst gestellt. Er ist also ein Zwei-Richtungs-Gelenk-Triebwagen und vergleichbare technische Daten mit dem unter dem Teilgebiet "Straßenbahnen" vorgestellten GTW 316, aufgrund der langen Betriebszeit in Details möglicherweise etwas unterschiedlich.
  • Als Schienenpflegezug hat er – insbesondere im mittleren C-Teil mit dem Lauf-Drehgestell – besondere Einbauten. Wir versuchen, diese in den nächsten Wochen zu erkunden und vielleicht auch mit Fotos zu dokumentieren. Mehrere Aktualisierungen dieser Internetseite sind daher möglich.  

Derzeit steht der Schienenpflegezug  in unserem Depot und kann leider nicht besichtigt werden.

Text: Wolfgang Dünkel, TMK

(last update 27.03.2023)

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Bild-, Zitat- und Grafikquellen:

*1: Foto Volker Credé, TMK

*2: Hessische Allgemeine (HNA), Ausgabe Kassel-Stadt, 22./23.06.2000, Seite 19 (pru),

*3: wie *2, Fotos: Fischer

*4: Hessische Allgemeine (HNA), Ausgabe Kassel-Stadt, 07.12.2011, Seite KS-LO5 (els), Archivfoto: KVG AG/Wiedemann (nh)

*5: Hessische Allgemeine (HNA), Ausgabe Kassel-Stadt, 01.11.2018, Seite 6, Redakteur: Andreas Hermann, Archivfoto: KVG AG/nh

 

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